Vollgas für Jesus! – Bis ich die Kurve nicht mehr erwisch
Als ich mich kürzlich mit einem Freund unterhalten hab, hat er mir eine Geschichte erzählt, die mich aufhorchen liess: “Weisst du, mein Freund hat gerade eine Gemeinde gegründet, die läuft jetzt mit 300 Personen und jetzt gründet er die nächste. Aber der ist da gnadenlos; Gottesdienste finden einmal im Monat statt und dabei sein kann nur, wer am Samstag davor auch auf die Strasse geht und zu den Veranstaltungen einlädt, wer seinen Zehnten abgibt…” Ich kenne diese Gemeinde und diesen Pastor nicht. Und ich will mir auch kein Urteil über diese Gemeinde anmassen.
Aber mich bewegt, dass ein Pastor als gnadenlos bezeichnet wird. In letzter Zeit höre ich immer wieder von Gemeinden in denen jeder Vollgas für Jesus geben muss. Was heisst das überhaupt? Der Grund dafür ist wohl die Annahme, dass es nicht sein kann, dass man einfach nur ein Sesselwärmer in der Kirchenbank ist, sondern dass der Glaube aktiv gelebt werden soll. Dass die Gemeinde kein Konsumtempel ist, wo die Seele ein wenig gestreichelt wird und man sich ganz dem Passivismus hingeben kann.
Und grundsätzlich wird hier etwas gutes erkannt: Das, was grosse Teile unserer Gesellschaft ausmacht, konsumierende Passivität, findet sich auch in der Gemeinde wieder. Und als Gegenbewegung zur Welt, als “Force for good” in der Welt, müssen wir dem entgegenhalten.
Die Strategie, die für den Kampf gewählt wird, ist dann wie folgt: Wir fordern unsere Zuhörer auf, “aktiv zu werden”, “Vollgas für Jesus zu geben”, “Alles zu geben”, “Radikal für Jesus zu leben”. Jesus selber hat die Menschen seiner Zeit immer wieder herausgefordert alles zu verlassen was ihnen lieb ist und ihm nachzufolgen. Alles herzugeben, was sie besitzen und ganz auf ihn zu vertrauen.
Aber dann kippt etwas. Auf einmal wird eine Wertung vorgenommen. Nur der, welcher etwas zu leisten und zu geben vermag, zählt wirklich etwas. Das würde in den meisten Fällen nicht laut ausgesprochen. Aber es wird gespürt. Und zwar nicht von der erhofften Zielgruppe, sondern von den Kranken, den Schwachen, den Alten – von denen, die nicht mehr geben können, denen die Kraft und die Mittel fehlen einen gewissen Standard von “Vollgas für Jesus” zu erreichen. In unserer Gemeinde und meinem persönlichen Umfeld treffe ich immer wieder auf Menschen, die an dieser “alles oder nichts” Botschaft und dem damit verbundenen Druck schön, stark, jung und wohlhabend zu sein zerbrechen und noch Jahrzehnte später daran zu kauen haben. Oder ich treffe Menschen, die alles gegeben haben und jetzt ausgebrannt sind. Sie haben Vollgas gegeben und die Warnsignale vor der Kurve nicht gesehen oder sie wurden von denen, die sie auf die Rennstrecke geschickt haben nicht aufgestellt.
Diese Art von Leistungsevangelium ist bereit über grosse Berge von Leichen zu gehen!Diese Art, Gemeinde zu bauen ist gnadenlos! Es wird wohl dem Passivismus gewehrt aber es wird das Wertesystem unserer Gesellschaft “Wert hat nur wer schön, jung und stark ist”, übernommen. Und das ist genauso falsch wie der Passivismus!
Wenn Gnade dadurch definiert ist, das wir etwas bekommen, was wir nicht verdient haben, dann steht sie auch dem Sesselwärmer und den Passiven zu. Sie dürfen die Gnade haben, in unseren Gemeinden einfach ein- und auszugehen, ohne dass sie in irgendeiner Weise aktiver werden müssen. Unser Auftrag ist es, die Gnade Gottes zu verkünden und zu leben. Gott selber wird schon zum Rechten schauen wenn es einmal darum geht, wer ein treuer und guter Knecht war.
Aber ich nehme lieber einige Sesselwärmer in Kauf, und dafür finden Kranke, Schwache, Alte und jeder andere gesellschaftlich nicht Anerkannte Frieden in unserer Gemeinde, als dass ich mit einer Du-musst-alles-geben-und-sonst-haben-wir-keinen-Platz-für-dich-Mentalität gerade die Menschen wegtreibe, denen das Reich Gottes zusteht.
Haben wir in unseren Gemeinden Platz für Menschen, die einfach nur da sind? Haben wir die Geduld, diesen Menschen einen Raum der Ruhe zu geben und zu warten, bis sie erweckt werden? Und wo ist in unseren Gemeinden der Platz für Kranke, Schwache, Arme, Aussenseiter, Alte? Können wir zur Erkenntnis kommen, dass Gott gerade durch uns wirkt wenn wir schwach sind? Und wie finden wir das beste Gleichgewicht zwischen Herausforderung das ganze Leben Jesus anzuvertrauen und dabei nicht gesetzlichem Aktivismus zu verfallen?
Mulmigkeit
Hauskreis ist etwas Schönes. Gestern haben wir uns getroffen: Es gibt Kaffee und Guetzli. Wir geniessen eine Zeit der musikalisch untermalten Anbetung. Wir beten gemeinsam. Wir studieren die Bibel. Wir beten füreinander. Wunderbar. Es ist alles drin: Gemeinschaft, Herausforderung, Ermutigung. Fazit des Abends: Ein Jünger ist jemand der werden will wie sein Lehrer. Und er kann das, weil er weiss, dass sein Lehrer ihm das zutraut. In meinem Fall ist der Lehrer Jesus. Ich will werden wie Jesus. Und ich weiss, ich kann das, weil Gott mich dazu berufen hat und es mir zutraut. WOW!
Heute Morgen habe ich Johannes 15,18ff gelesen. Die Welt hasst uns. Jetzt echt? In andern Ländern werden Christen tatsächlich hingerichtetet. In andern Ländern werden Christen tatsächlich verfolgt. In andern Ländern werden Christen tatsächlich gehasst. Das wird mir hier in meiner Schweiz wohl nicht so schnell passieren.
In mir macht sich ein mulmiges Gefühl breit, das sich nicht einmal durch eine Dusche abwaschen lässt. Normalerweise hilft das ja manchmal den letzten Rest von Albträumen zu vertreiben. Ich will nicht verfolgt werden. Nur schon der Gedanke daran, Schmerzen erfahren zu müssen, lässt mir die Lust auf’s Frühstück vergehen. Paulus kommt mir in den Sinn. Jesus ähnlicher werden heisst ja auch, ihm in seinem Leiden ähnlicher zu werden. Jaja ich weiss, der Trost wird auch gleich mitgeliefert. Trotzdem, Lust auf Leiden habe ich nicht.
Nur, scheinbar gehört es zu einem anständigen Christenleben, am Leiden Jesu teilzuhaben. Wieder macht sich ein mulmiges Gefühl in mir breit: Ich spüre nichts davon. Mir geht es gut. Ich lebe in Frieden. Mich stört keiner. Ich störe keinen! Ich störe keinen? Warum störe ich keinen? Die ersten Christen waren dafür bekannt, die ganze Welt in Aufruhr zu versetzen.
Nochmals spüre ich eine beklemmende Enge in mir. Wenn es scheinbar dazu gehört verfolgt zu werden, dann will ich wenigstens wegen der richtigen Gründe verfolgt oder verachtet werden. Für was bin ich als Christ bekannt? Bin ich bekannt dafür, mein Leben in möglichst grosser Sicherheit zu gestalten, so dass mir ja nichts passieren kann? Weiss man über mich, dass ich einfach religiös bin, am Sonntag zur Kirche gehe, da auch mitmache, das aber nichts mit meinem Leben zu tun hat. Wenn man mich dafür verachtet, dann verachtet man mich nicht wegen Jesus sondern wegen meiner Dummheit. Das will ich nicht. Ich will auch nicht, dass man nichts mit mir zu tun haben will, weil ich ein notorischer Nein-sager bin und gegen alles bin was irgendwie nach Fortschritt und Veränderung riecht oder meine religiösen Gefühle verletzen könnte.
Wenn ich schon verachtet werde, dann weil ich eine Bedrohung darstelle und nicht, weil ich mich und meinen Glauben bedroht sehe. Jesus war eine Bedrohung. Darum haben sie ihn gekreuzigt. Die Welt hat den Fürst des Friedens und die Liebe in Person als eine Bedrohung gesehen. Und weil er treu war bis zum Tod, hat er die Strukturen des Bösen durchbrochen. Ich bin sein Nachfolger. Ich will eine Bedrohung sein, weil ich Menschen liebe, weil mein Leben ein Zeugnis ist für Gerechtigkeit, Frieden, Liebe, Zuversicht, Güte, Gastfreundschaft, Ehrlichkeit. Ich will eine Bedrohung sein für das Böse, Korruption, Machtsysteme, Egoismus, Sucht.
Wieder Beklemmung.
Will ich mein Leben ändern? Die Welt soll mich hassen, weil ich nicht von ihr bin. Aber nur allzuoft habe ich ihren Forderungen nachgegeben. Ich habe Angst vor den Konsequenzen, ein bequemes Leben aufzugeben und mich selber hinzugeben. Und wie sieht das konkret aus?
Ist meine Geschichte gut?
Kürzlich war ich bei einem Studienfreund von mir zu Besuch. Als ich mir so seine Bücher angesehen hab, sind mir die Bücher von Donald Miller aufgefallen, die er in seinem Regal stehen hatte. Schon letztes Jahr wurde mir das Buch Blue like Jazz wärmstens empfohlen. Damals hab ich allerdings überhaupt nicht verstanden, warum ich dieses Buch lesen müsste. Aber so ist das nun mal in meinem Leben: Nicht immer sehe ich das Gute, das direkt vor mir liegt. Nun, während der letzten Wochen hat sich der Name Donald Miller immer wieder in mein Blickfeld gewagt. Scheinbar hat er ein neues Buch geschrieben: A Million Miles In A Thousand Years. Und nun stand es vor mir im Bücherregal meines Freundes und ich wusste: Du musst dieses Buch lesen!
Innerhalb einer Woche habe ich nun zwei Drittel durch und bin begeistert. Mein Leben ist eine Geschichte die mit mir als Hauptdarsteller geschrieben wird. “A character who wants something and overcomes conflict to get it is the basic structure of a good story.” Damit eine Geschichte gut ist, damit ich eine Geschichte spannend finde, dass mich eine Geschichte bewegt, braucht sie gewisse Kernelemente. In einer guten Geschichte erlebt der Hauptdarsteller eine Veränderung von der Person, die er zu Beginn der Geschichte ist, hin zu der Person, die er am Schluss der Geschichte ist. Ich mag Veränderungen eigentlich nicht. Vor allem Veränderungen an meiner Person nicht. Und solange alles gut läuft, fühle ich mich nicht verpflichtet etwas zu ändern. Und damit ist meine Geschichte meist sehr langweilig. Veränderungen geschehen meist erst dann, wenn ich dazu gewzungen bin. Oft fühle ich nach schwierigen Situationen in meinem Leben, dass Gott unfair ist, anstatt dass ich in ihm einen Meisterschriftsteller sehe, der mit meinem Leben eine gute Geschichte erzählen will, die er in die Geschichte der ganzen Welt einfügt.
Donald Millers Buch stellt an mich die Frage, ob ich eine spannende Geschichte leben will. Habe ich ein Ziel? Bin ich bereit Strapazen und Schwirigkeiten auf mich zu nehemen, um dieses Ziel zu erreichen und damit eine spannende Geschichte mit meinem Leben zu schreiben?
Leidenschaft – was ist, wenn diese Erde alles ist was wir haben?
Immer wieder frage ich mich, warum Menschen die nicht in einer “persönlichen Beziehung zu Jesus leben” so viel leidenschaftlicher sein können als ich? So viel sozialer? so viel mehr an Frieden interessiert? so viel mehr engagiert sind für unsere Umwelt? so viel mehr an Menschen interessiert?
Könnte es daran liegen, dass alles was sie haben, diese Erde ist und es nun gilt, das Beste aus dem Leben herauszuholen? Könnte es sein, dass ich als Christ im Glauben, dass ich eines Tages in den Himmel verschwinde egoistisch geworden bin? Diese Erde ist ja doch nicht so wichitig und es geht mir ja nur darum, Menschen zu retten, sie ins Boot zu holen, damit wir alle gemeinsam eines Tages verschwinden können!
Was würde sich in meinem Leben verändern, wenn alles was ich habe, dieser blaue Planet ist und mir der Weg “nach mir die Sintflut” verwehrt ist? Welchen Wert messe ich menschlichem Leben bei? Welchen Einsatz bin ich bereit zu geben für meine Umwelt? Was ist, wenn ich ernsthaft darüber nachdenken muss, dass ich vielleicht nicht in “der Endzeit” lebe und so oder so alles bald vernichtet wird?
Was ist, wenn alles was ich habe, das ist was da ist und ich mich dafür entscheide, Verantwortung für mich, meine Mitmenschen und meine Umwelt zu übernehmen, um das Beste daraus zu machen?
